Thalamus – Mr. Avenson

Posted by on Nov 9, 2011 in CD-Reviews, Reviews | No Comments

Progressive Grunge. Bei dieser Genre Umschreibung läuft es mir als Musikjournalist erst einmal kalt den Rücken runter. Rein subjektive Aversion? Definitiv. Letztendlich begründet? Definitiv nicht.

Doch fangen wir vorne an.

Vor mir liegt der dritte Longplayer der vierköpfigen Duisburger Musikkapelle THALAMUS. Das tut sie nun schon seit gut einer Woche mit einer gar stoischen Beharrlichkeit. Schön anzuschauen ist sie ja. Zumindest wirkt das vom Künstler Stefan Becker Schmitz kreierte Artwork sehr professionell, obgleich die Kombination aus Zahnlücke-tragendem Anzugträger mit aufgenähter Hasenmaske, der die Front des schlicht weißen Digipacks ziert, und der beinahe infantiler Farbkleckserei, gleichermaßen widersprüchlich, wie in sich stimmig wirkt. Zufall oder Methode? Wie dem auch sei, so viel Kreativität musste belohnt werden und so schaffte es der Silberling tatsächlich in mein Auto.

Ein Glück, denn was Thalamus da veranstalten ist große Musik, weit weg von der lokalen Einheits-Klangwelt. Dieses Prädikat beinhaltet aber auch, dass eine kurze Fahrt zum Pizzamann um die Ecke nicht reicht um zu begreifen auf welche musikalische Irrfahrt, im positiven Sinne, Thalamus uns auf „Mr. Avenson“ mitnehmen.

Womit, neben der Gruselhasen-Kopfbedeckung der Protagonisten, eine weitere Parallele zu Richard Kelly’s „Donnie Darko“ aufgetan wäre. Denn ähnlich wie der Film braucht auch die CD einige Durchläufe, bis man durchblickt was einem gerade dargeboten wird. Und ähnlich wie im Film, liegt man auch bei dieser CD selbst dann, wenn man glaubt die Gleichung gelöst zu haben, noch total falsch. Das erscheint frustrierend, macht tatsächlich aber den Reiz der Produktion aus. Es bleibt ein Rätsel mit scheinbar unzähligen Lösungen.

Grund dafür ist die Art von Thalamus Songs zu arrangieren, mit der sie es schaffen beim Hörer eine Art wohliges Unbehagen auszulösen. 66 Minuten in erregter Erwartung was als nächstes passiert. Mal ist die Musik bis auf das Nötigste reduziert, wirkt fast poppig, um sich dann wie eine progressive Welle aufzutürmen die letztendlich als tosender Metal-Rock-Kracher alles mit sich reißt. An anderer Stelle wirkt es, als hätten die Herren sich in Ihrem selbst errichteten Labyrinth aus Melodien und Emotionen verloren – ohne Aussicht diesem jemals entfliehen zu können, bis ein beherzter Schrei den ersehnten Befreiungsschlag markiert. Eine Art musikalischer Patchwork-Teppich, dessen einzelne Fetzen im Ganzen etwas nützliches ergeben.

Und das funktioniert? Ja das tut es, wenn man, wie die vier Duisburger, sein Handwerk versteht. In Summe klingt das in etwa so, als hätten Tool in einer Rockkneipe Gavin Rossdale getroffen und nach ein paar Whiskey entschlossen die besten Riffs von Metallicas St. Anger neu aufzunehmen, nur in gut. Wie gesagt, in etwa.

Obwohl die musikalische Leistung auf Mr. Avenson durch die Bank sehr gut ist und mit dem sehr kernig, leicht 80s mäßigen Sound sehr professionell produziert wurde, stechen dennoch zwei Akteure deutlich heraus.

Das ist zum einen Schießbunden-Betreiber Roland. Als gäbe es eine Extra-Möhre für den Hasen der sein Instrument am progressivsten bedient, poppt, jazzt, rockt und prügelt er sich 66 Minuten lang die Pfoten wund. Das angenehme daran: Das Schlagzeug wirkt dabei nie aufdringlich, sondern passt sich perfekt in sein Klangumfeld ein.

Zum anderen ist es Sänger Dave. Er versteht es perfekt, die Stimmung der Musik mit seinem Organ zu beeinflussen und zu leiten. Sein flüstern, schreien, singen, brüllen und kreischen ist, in den malerischen Worten eines ambitionierten Poeten gesprochen, das Garn, dass die Flicken zu einem Teppich verknüpft.

Zusammenfassend sei jedem, der nicht davor scheut eine CD öfter als zweimal zu hören, ernsthaftes Interesse an intelligenter Musik hat und sich vom Wort „Grunge“ nicht abschrecken lässt, diese CD wärmstens ans Ohr gelegt. Thalamus aus Duisburg machen Rockmusik die es verdient hat gehört zu werden.

Das kann man dank der Güte dieser Band sogar umsonst und völlig Gratis tun. Einfach herunterladen auf der Bandcamp Seite der Band.

– persönliche Meinung von André U.