Violet – Reincarnation of a fish

Posted by on Jan 9, 2012 in CD-Reviews, Reviews | No Comments

Ich wache auf. Alles tut weh. Verkatert blinzle ich mit meinem heilen Auge. Das erste was ich sehe sind die Schrammen am ganzen Körper. Es riecht nach kaltem Rauch, Bier und Erbrochenem. Schmerzen. Und dabei hatte der Abend doch so gut angefangen.

Rückblende.
Nach einem harten Arbeitstag im Holzfällerlager trafen wir uns wie üblich zu einem Feierabendgetränk in unserem Stammlokal. Es versprach ein feuchtfröhlicher Abend zu werden. Wir waren bester Laune, Terminator 2 lief gerade im Kino, die Sowjetunion war Schnee von gestern und der Fisch hatte sich schon vor langer Zeit umgebracht. Wir betraten das Lokal, stellten uns an die Theke und bestellten die erste Runde. Aus der Jukebox dudelte Bryan Adams’ „Everything I Do…I Do It For You” während wir wortlos unser Bier in uns reinschütteten. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein eisiger Wind durchdrang unsere Flanellhemden. Ein Hauch von Verwesung erfüllte die Kneipe, doch ich achtete nicht darauf und widmete mich weiter meinem wohlverdienten Trank. Ein Fehler. Bryan Adams verstummte, in der Bar wurde es still. „Er ist wieder da!“, flüsterte ein Mann neben mir. Verständnislos schaute ich ihn an. „Er ist wieder da. Der Fisch ist auferstanden!“

Ehe ich den Sinn seiner Worte begriff, flog bereits die erste Flasche und erwischte den Kopf des Mannes, der mich eben noch gewarnt hatte. „OMG!“, rief ich erschrocken, als kurz darauf die Jukebox ihren Betrieb wieder aufnahm und eine 10-Song andauernde Kneipenschlägerei entbrannte. Es war ein wildes Durchenander von zehn kurzen aber heftigen Prügeleien, davon nur drei länger als drei Minuten, mit allem drum und dran: Haareziehen, Kneifen und gezielte Aufwärtshaken wurden begleitet von einem bissigen Strat-Sound und unfairen Drums, die einen Arschtritt nach dem anderen verteilten. Ich war mitten im Geschehen und mischte ordentlich mit, es ging auch nicht anders, es gab kein Entkommen. Ich verlor die Übersicht und schließlich auch das Bewusstsein.

Zwanzig Jahre später wache ich auf.
Jetzt erstmal aufstehen, duschen und n’ Kaffee machen. Was war das für ein wirrer Traum, der viel zu schnell vorbei war? Und was sollte die Sache mit dem Fisch? Alles war so lebendig und intensiv. Nächstes Mal vielleicht einfach etwas weniger trinken. Ich muss schmunzeln und beschließe meine kleine Zeitreise zu verdrängen und mich wieder den wichtigen Dingen im Leben zu widmen. Doch da erinnert mich ein dumpfer Schmerz an das was passiert ist: Wie eine Jagdtrophäe ziert mein linkes Auge ein tiefviolettes VEILCHEN.

Epilog
VIOLETs „Wiederfleischwerdung eines Fischs“ von 2011  erinnert in vielen Punkten an die unbeschwerten Alben der Neunziger Jahre, ohne die bedrückende Last einer stereotypen Grunge-Platte mit sich herum zu schleppen. Flotte Punk-Tempi, die mit einem Augenzwinkern eingeworfenen Texte und nicht zuletzt die Spacelab-typische High End Produktion heben die zehn Tracks auf „Reincarnation Of A Fish“ deutlich von dem ab, was man vor zwanzig Jahren noch als Trittbrettfahrersound bezeichnet hätte. Seattle-Retro-Hype? Keine Sorge.

Tracklist:

01. Chinchilla Wedgie (01:22)
02. Dressed In Suit (03:37)
03. OMG (02:13)
04. If It Weren’t (02:21)
05. Disharmony (04:16)
06. Gimme (02:58)
07. Free The Princess (02:34)
08. Coming Back (03:26)
09. Useless (02:33)
10. Pretty Gross 02:19)

Band: Violet
Album: Reincarnation Of A Fish
VÖ.: 26.8.2011
Review: Dan, 9. Januar 2012