„Leave the train of independence“ – Syntonic veröffentlichen Krefelds „Chinese Democracy“

Posted by on Apr 18, 2012 in CD-Reviews, Reviews | No Comments

Syntonic veröffentlichen Krefelds „Chinese Democracy“

„Leave the train of independence“ lautet die bezeichnende erste Zeile aus Syntonics Album „New Old Film“, dass in der hiesigen Szene gerne als Krefelds „Chinese Democracy“ bezeichnet wird, also einem lang erwarteten Tonträger, dessen jemalige Erscheinung zurecht bezweifelt werden darf. Die 1999 gegründete und immer noch in Originalbesetzung spielende Band konnten bereits auf Krefeld 8ung Volume I als leicht düsteres Alternative-Trio auf sich aufmerksam machen und Erwartungshaltung mit ihrem Volume II Betrag „Umbrella“ im Jahr 2005 noch ein gutes Stückchen anheben. Bis zum endgültigen Release des Longplayers mussten Fans allerdings gute sechs Jahre warten, doch nun ist er mit eben diesem „Umbrella“ als Opener endlich erschienen. Und das Warten hat sich gelohnt.

Die Zwillinge Rocco (Gesang, Gitarre) und Sandra Harzbecker (Bass) sowie Christian Baakes (Schlagzeug) liefern mit „New Old Film“ ein ganz beachtliches Stück Krefelder Musik ab. Die CD kommt im transparenten Jewelcase daher, bestückt mit einem 16-seitigen Booklet, dessen Front- und Backcover ein klinisch-trister Raum ziert. Im Inneren geht es weitaus düsterer und dreckiger zu: Das ausgeklügelte Artwork aus purer Bildhaftigkeit im Filmrollen-Stil wird von den Texten der Songs begleitet, auf die die Band hörbar wert gelegt hat.

Vorgetragen werden sie leicht angebritischt (Gottseidank nicht im fiesen Indie-Cockney) von einer der großartigsten Stimmen, die Krefelds Bandszene überhaupt zu bieten hat. Roccos technisch sichere Vokalarbeit erinnert an Kollegen wie Jeff Buckley, Brandon Boyd oder auch Mike Patton, die nicht unbedingt als schlechteste Vertreter ihrer Zunft gelten. Auffällig ist der exzessive Einsatz von Falsett-Stimmen, die jedoch ohne die Weinerlichkeit eines Thom Yorkes auskommen.

Erfrischend bedrückendes Songwriting

Das Songwriting selber ist trotz hohem Wiedererkennungswert der Band äußerst vielfältig. Die 13 Tracks des Albums wirken nicht durchkomponiert, dafür sind sie zu dynamisch, eher könnte ich mir vorstellen, dass sie das Ergebnis von endlosen Sessions in einem dunklen Bunkerloch sind, dafür aber erstaunlich glatt und nie zu rund. Oder erstaunlich rund und nie zu glatt? Da bin ich mir nicht ganz sicher.

Auf jeden Fall aber genau so sperrig, dass man nicht das Gefühl bekommt das Album nach dem ersten Durchlauf auswendig zu kennen. Mal tritt fast vergessener Alternative-Rock mit an die frühen Pumpkins erinnernden Gitarren auf opulente Pop-Stellen, mal spannungsgeladener Indie auf progressiven Abriss. Das Ganze ohne jeden Metal und ohne jeden Humor, was irgendwie erfrischend bedrückend ist.

Sandras Bass macht übrigens weitaus mehr als nur das Fundament zu bedienen. Mit überraschend weichem Sound verziert er die Songs an den richtigen Stellen in untypischen Höhenlagen, und scheut auch nicht davor zurück die Führung oder gar kleine Solo-Melodien zu übernehmen. Irgendwie habe ich dabei ein Schulmädchen im Kopf, dass den trockenen Stoff in seinem Matheheft mit kleinen, floralen Mustern hübsch dekoriert, dabei aber akribisch genau darauf achtet, dass der Inhalt weiterhin lesbar bleibt, damit der Herr Lehrer nicht völlig ausrastet… doch genug von meinen Schulmädchen-Fantasien.

Hörbarer Teufelspakt

Das durchweg hektische Spiel von Schlagzeuger Christian Baakes erzeugt automatisch die Vorstellung eines hart arbeitenden Drummers, der ständig beschäftigt ist und bevorzugt flotte Tom-Tiraden vorlegt, um sie fast schon Drum’n’Bass-artig mit exakt gesetzten Synkopen zu zerstückeln. Eine Ferkelsfreude für jeden Frickel-Fan, wäre da nicht der leider unnatürliche Sound, der dem garagigen Drumming überhaupt nicht gerecht wird. Tatsächlich aber schafft gerade dieser Punkt auch eine Balance, indem er dem Gesamtbild eine gewisse Fülle gibt, ohne dabei vom Rest der Band abzulenken. Ein hörbarer Teufelspakt: Tausche Drummerseele gegen runden Klangeindruck – gemein!

A propos Synthetik: Auch wenn der Einsatz von künstlichen Klangteppichen überschaubar bleibt, so geben die regelmäßig eingesetzten Keyboard-Passagen dem Album einen ordentlichen Schub Post-Wave-Charakter, der die progressive Grundstimmung aber niemals wirklich zerpoppt. Track 5, 9 und 10 sind zudem mit Streichersätzen versehen, für deren Arrangement sich Serenity-Frontmann Bastian „Floyd“ Vogel verantwortlich zeichnet, allerdings schwer zu sagen, ob es sich dabei um „echte“ Streicher handelt oder um Samples aus der Retorte (zumal ich mir Floyd nur schwerlich am Cello vorstellen kann).

Insgesamt ist der „neue alte Film“ eine mehr als würdige Abschlussarbeit eines langjährigen Schaffens, dem jede Form der Beachtung gegönnt ist. Ich persönlich hoffe, dass Syntonic sich damit endgültig in die Köpfe des Publikums bohrt, dort auch bleibt und der Nachfolger keine weiteren 10 Jahre auf sich warten lässt.

Leave the train of indipendence.
The venom loves you.

(d)

Tracklist:
01. Umbrella
02. Kings & Queens
03. Feelin’ Fine
04. If
05. Windows
06. OK
07. World Of My Own
08. Nowhere
09. Previous Irony
10. Back Door
11. Unspeakable
12. Last Tomorrow
13. X1

SYNTONIC im Web:
http://syntonic-music.de/