Serenity – Memories

Posted by on Okt 4, 2012 in CD-Reviews, News, Reviews | No Comments

Endlich haucht ein funky Riff durch die Kapseln meiner Kopfhörer.

Ja, endlich. Das kann man wohl laut sagen, wenn man die Entstehungsgeschichte zu „Memories“, dem neusten und ersten Werk von Serenity, kennt.  Bei Gott, es hat lange gedauert. Jahre, fast Jahrzehnte. Übertreiben wir es nicht, aber die Leidenszeit für Serenity-Jünger war lang. Das Debüt ist nun da, liegt frisch gepresst in wunderschönem Digipak vor mir. Ein gammeliges Sofa vor weißer Wand starrt mich mürrisch an und versprüht direkt oldschool Charme. Soweit zum Äußeren. Das Innere schaut ebenso fein drein wie das Äußere, ich rede nun immer noch von der Aufmachung, denn auch das Booklet überzeugt mich als Designer vom Fleck weg, zeigt die Band bei der Studio-Arbeit und enthält alle Texte von Bastian Vogel und Moritz Krämer. Soweit so gut. Vielleicht hat auch die schöne Gestaltung so lange gedauert. Wer weiß das schon. Es geht hier immerhin um ein Pop/Funk/Jazz/Rock Album. Das braucht Zeit. Boom.

Die CD wird eingelegt.

Der CD-Player surrt kurz und ich höre vorhin erwähntes Funky-Riff, welches vom Fleck weg durch Groove überzeugt. „Memories“ ist ein wunderbarer Opener für „Memories“, denn er zeigt direkt die wesentlichen Facetten von Serenity. Bastian Vogels Gesang hebt sich angenehm von der Instrumentierung ab, überzeugt durch Klarheit und tonale Sicherheit. Ein perfekter Song um auf dem Boden zu liegen und die Decke anzustarren. Findet wohl auch Herr Vogel selbst, singt er doch „Lying on the floor and keep looking straight at the ceiling“. Ein schöner, durch den letzten Satz sogar lebensbejahender Song, der in einem netten Gitarrensolo endet, das von der restlichen Band perfekt getragen wird.
Danach tickt es im Kopf. „Slave of time“ – einer der wirklich schon lange anwesenden Songs – schallt durch die Ohrmuschel. Nicht ganz so filigran wie der Opener, leider, aber immer noch über dem Standard von Produktionen von Bands mit  gleichem Bekanntheitsgrad. Der Text wirkt hier leider etwas aufgesetzt, auch wenn sich Vogel abmüht die Welt und deren neue Zeitanschauung zu kritisieren und die Gesellschaft generell zu verurteilen. Kann ich grundsätzlich so unterschreiben, wir leben tatsächlich in einer Welt, in der man nur noch eine „puppet on strings“ ist. Ein Sklave der Zeit. Jetzt aber der eigentliche Kritikpunkt: Die Musik untermalt dies nur sporadisch. Klar wird hier der geradlinige Pop in ein entfernt an die britische Superband „Muse“ erinnerndes Gewand gesteckt, aber die Wut, die der Text innehält, kommt nicht so ganz zur Geltung. Würde man einfach weghören ist der Song aber ein wunderbarer Swinger, den man abfeiern kann, wenn man Muse mag und deren Mega-Bombast mittlerweile leid ist. Ein bisschen Bombast ist trotzdem da, allein weil das Klavier hier groß Hand anlegt und einen dicken Soundteppich baut, der vor allem die Bridge groß einleitet.
Das man als Serenity aber auch anders kann, merkt man beim dritten Song „Heady vibes„, der mir schon fast  zu fröhlich daherkommt nach dem eher melancholischen Slave of Time. Serenity kümmert das wenig. Der Song startet langsam, kommt dann aber direkt in der Disco an. Straighter 4/4 Beat und fast schon gerappter Gesang gehen direkt in die Beine. Funky wartet der Refrain mit einem richtigen Dancefloor-Knaller auf. Ladys, es darf getanzt werden, auch wenn es im Text eher um das Saufen geht und das „zusammen abschmieren und am nächsten Tag nicht mehr wissen wie man in dem Bett gelandet ist“. Guter Song. Für Parties.
Und damit man auch direkt wieder runterkommt, schielt der „Breakdown“ um die Ecke. Warum auch nicht, wenn wir schon im kunterbunten Misch-Masch angekommen sind. Bisher gab es schon prägnante Einflüsse von Funk, Pop und Rock. Was nun kommt ist aber einfach nur Bombast. Dieser Song ist nach „Memories“ das nächste Highlight der Platte. Sanft leitet ein wunderschönes Intro von Pianist Moritz Krämer, welches am Flügel eingespielt wurde, den Song ein, der sich im Verlauf immer weiter in Pop-Bombast verwandelt. Ich muss noch einmal den Vergleich mit Muse ziehen: zu deren guten Zeiten, als es noch auf den Song ankam und nicht auf Experimente. Das Klavier und die Gitarre bilden ein Arrangement, wonach sich andere Künstler die Finger lecken würden. Hier ist über den grünen Klee loben angesagt, während der Bass von Paul Krobbach und das Schlagwerk von Sebastian Peerebooms, welches leider als einziges nicht so bombastisch klingt und nicht perfekt in das Sound-Gebilde passen will, einen angenehmen Rhythmus vorgeben. Darüber schwebt Vogels Stimme. Bei Minute 4:50 explodiert der Song regelrecht. So muss das klingen, wenn eine Pop-Band rockt.
Danach sind die Erwartungen an „Shallow Water“ extrem hoch. Ungewohnt klarer Pop-Sound schwingt durch den Kopfhörer. Die ersten Töne von Vogels Gesang sind perfekt intoniert und machen klar, dass hier keine Kompromisse eingegangen werden. „Shallow Water“ ist ein Pop-Song nach Maß. Gehen lassen, auf den Teppich legen, wie vorhin, und genießen. Der Song wird klar von der Stimme getragen – und der frischen Lead-Gitarre, die so in noch keinem der vorherigen Song eingesetzt wurde. Ein richtig schönen Clean-Sound kommt da aus den Boxen. Da sollte sich das Solo aus „Memories“ mal den Sound abschauen. Auch bei „Shallow Water“ hält sich Vogel nicht mit Kritik an der Gesellschaft zurück. Wo sind die Love-Lyrics, wenn man sie erwartet? Bei Serenity scheinbar kein Thema. Macht nichts, denn die nachdenklichen Texte geben den Songs dann im Gesamtkontext etwas mystisches und düsteres, was der Band ganz gut steht, auch wenn es oft einfach zu gewollt klingt. Ab und zu wünscht sich die Gewohnheit dann vielleicht doch mal ein „I miss you so much, babe“. Stattdessen „Not until the blinders belong to the past will knowledge replace belief“. Tiefsinnig eben. Mystisch und düster. Ich persönlich mag das, dem Pop-Hörer von heute traue ich das aber weniger zu. Vielleicht haben Serenity Glück und die Leute achten nicht so gerne auf Texte. Soll ja auch schon von Acts wie Lady Gaga („Lets have some fun, this beat is sick, i wanna take a ride on your disco stick… p*n*s“), höchst erfolgreich, bewiesen worden sein.
Explosion“ explodiert gleich wie Lady Gagas Frisuren, mit Bläsern und funky funky Funk. Und diesem funkt bis zuletzt auch nichts mehr dazwischen. Wieder ein Disco-Dancer, wo mit Sicherheit einige Ladys die „ticking Bomb“ sein werden und so richtig gaga abgehen. Entschuldigung. Ich suche Ernst. „Hallo hier…“ Ah. Gut. Weiter im Text. Auch bei „Explosion“ steht der Text wieder im krassen Gegensatz zum eigentlichen Song. Mir kommt das immer etwas spanisch vor, aber das geile Klavier-directly-into-Bass-Solo hat mich so oder so schon soweit abgelenkt, dass mir ab jetzt auch egal ist, was gesungen wird, Hauptsache es passiert mit der andauernden Passion, die Sänger Bastian Vogel an den Tag legt.
Der nächste Song ist alt. Wirklich alt. „Last Dime„, gab es schon auf dem zweiten Sampler der Krefelder-Rockcommunity „Krefeld 8ung vol2“, welcher von 2005 datiert. Ja, richtig. 2005. Das sind mal eben lockere sieben Jahre. Macht zum Glück nichts. Der Song rockt und macht Spaß, hat natürlich einen gesellschaftskritischen Text, ein geslapptes Bass-Solo und bietet von klarem Gesang über Gitarrensoli und hervorragende Klavier-Arbeit sogar ein „mach das mal bitte etwas leiser“-Snippet während des Gitarren-Solos – ob der Schnipsel vergessen wurde? Vielleicht. Bringt aber Studio-Stimmung. Und das gefällt. Der Song, auch ein Funk-Stampfer, macht Laune. Da gebe ich gern meinen „Last Dime“ für her.
Ob man dann alles „Under Control“ hat kann man mit dem gleichnamigen Song austesten. Der Refrain erinnert an spanischen Salsa oder etwas in diese Richtung. Ich kenne mich da leider wenig aus. Die Strophen und Bridges bieten wieder Funk, Funk, Funk. Trotzdem ist der Song eher einer der schwächeren auf der Platte. Bleibt nicht wirklich so im Kopf wie ein „Memories“ oder ein „Breakdown“ und kann auch gegen seine direkte Konkurrenz, die mit „Heady Vibes“ und „Explosion“ ausgemacht ist, nicht ganz mithalten. Was hervorzuheben ist, ist, dass auch dieser Song, wie bisher jeder, seine Momente hat, so wie das Ende, in dem sich Bass und Gitarre duellieren.
Dann das Highlight. Das Beste zum Schluss. „Darkest Hour“ ist eine dunkle Ballade an die Liebe. Endlich, will man schreien. Hier passt alles. Gesang, Klavier, Gitarre und Bass zeigen nochmal, was in solchen Instrumenten an Energie und vor allem Gefühl stecken kann, die Drums machen den Rest. Die leise Akustik-Gitarre klingt angenehm sanft in den Gehörgängen, die Stimme hebt sich unglaublich prägnant vom Soundteppich und schießt mit Beginn des Refrain in nahezu perfekten Pop. Der Song zeigt, mit Ausnahme vom unnötig das Klavier störenden Basslauf ca. bei Minute sechs, alles, was man über Serenity wissen muss und ist, mit kleinem Abstand zu „Breakdown“, „Memories“ und „Heady Vibes“ als Ausreißer nach oben, der beste Song der frischen, alten Platte. Hinlegen. Genießen. Endlich Serenity.

Produktive Produktion.

Nochmal kurz zum technischen… unglaublicher Fakt: Alles wurde im hauseigenen „Serenity Fitnessstudios“ aufgenommen und von Bassist Paul Krobbach aufgenommen und gemischt. Große Leistung. Hier muss sich nichts verstecken. Song um Song  wirkt der klare Sound. Teils wirken die Songs dennoch unterschiedlich und setzen sich von der Wirkung her doch voneinander ab. Alles in allem ist der Gesamteindruck aber umwerfend für eine Eigenproduktion.

Fazit.

Bomben CD mit kleinsten Macken, die man sehr sehr gut verschmerzen kann. Hätte ich zehn zu vergeben, ich gäbe 8/10 – tun wir hier aber nicht. 😛
Danke für diese CD, Serenity. Ich bin gespannt auf mehr.

Stefan