Phyria – like slipping through dust

Posted by on Dez 11, 2012 in CD-Reviews, News, Reviews | 2 Comments

Mit Klang und Struktur zur Eigenständigkeit

Phyria waren für mich ein unbeschriebenes Blatt, das sich nach einer Runde im CD-Player schon fast vollständig selbst beschrieben hat. Und zwar tiefschwarze Tinte mit vielen farbigen Mustern, fast wie auf dem Cover der CD „Like slipping through dust“.

Das Debut der Krefelder Band ist für einen Alternative-Rocker ähnlich zu werten wie ein Kunstwerk für einen Kunst-Studenten, wenn ich mal dieses Bild benutzen darf. Man will es immer wieder hören, findet kleine Feinheiten und erfreut sich an der gelungenen Gesamtkomposition. Filigrane Klangstrukturen fahren, direkt nach dem stimmigen Post-Rock/Alternative-Intro „Welcome„, mit dem eigentlichen Opener „Wings“ aus den Boxen. Leise arbeiten sich die Gitarren vor. Die Spannung steigt, um schließlich in einem furios gesungenen „Here we are“ über Gitarrenwänden entladen zu werden. Als hätten Phyria den Song wirklich als Opener geschrieben, startet die Nummer vom Fleck weg imposant mit klarem Gesang, eingängigen Melodien und bestem Sound in den Refrain des Stücks. Besonders gefällt mir hier die Akzentuierung des Schlagzeugers michael Zettl. Die Bassdrum kommt richtig schön knackig um die Ecke und bereichert den Rhythmus hier ungemein, während Bassist Fabian Swars seinen Teil dazu beiträgt und dem Song den nötigen Schub gibt.

Wer jetzt denkt, dass das Pulver verschossen ist, bekommt mit dem ebenso frisch klingenden „Vora City“ noch ein Päckchen des völlig selbstständigen Soundgewandes, das Phyria in „like slipping through dust“ zu einem wirklichen Hörgenuss schneidern. Auch die gefräßige Stadt (voracity = Gefräßigkeit, Gier) startet mit leisen, sphärischen Gitarren und schaukelt sich zu einer astreinen Rock-Nummer hoch. Sänger Benjamin Hammans singt auf außergewöhnlichem Niveau, klingt angenehm warm, übersteuert nie und wirkt absolut sicher bei dem, was er tut. Dazu singt er auf einen Soundteppich, der einfach perfekt für seien Stimme ist. Es passt einfach alles.

Mit „Burried by birth“ kommt auch schon direkt der nächste Song aus den Boxen, der eigenständig ist, sich am Sound des Albums orientiert, aber eben doch eigenständig ist. Wie die Jungs von Phyria das veranstalten, weiß nur der Musikgott. Hier wechseln sich scharfer Refrain mit nahezu lieblichen Gitarren-Parts als Zwischenspiel. Dazu offene Bridges und ein insgesamt sehr ansprechendes, sich nicht zu viel wiederholendes Arrangement. Man entdeckt immer mal was neues. Toller Song.

Narcoleptic Crime“ startet. Der Sound ist gleich, doch irgendwie anders. Mal ein bisschen mehr Gitarre. Tut dem Album direkt mal gut. Großartig wie die Bridge den Song bereichert und zum träumen und mitsummen einlädt. Der Refrain geht dann wieder ein bisschen rockiger zu Werke und überzeugt durch eine gute Melodie, die jedoch von der in der Bridge völlig in den Schatten gestellt wird. Da fährt man sich irgendwie ein bisschen selbst in die schöne Parade. Nicht, dass der Refrain schlecht ist, nur die Bridge ist eben noch besser. Das macht den Song zum dritten Highlight, nach zwein vom Anfang und einem weiteren großartigen Song. Unglaubliche Performance bis hier.

Und was kommt dann? Erstmal Drums und dann nur noch… der Titeltrack. „like slipping through dust“ kommt zurecht als selbiger daher. Der Song ist richtig stark. Der Aufbau nach dem Schlagzeug-Anfang geht mit einer guten Gesangspassage und wieder diesen toll eingespielten und astrein aufeinander abgestimmten, sphärischen Gitarren weiter. Der Refrain bietet dann eine absolut eingängige Melodie. Dieses „Get up, get up“ werde ich wohl so schnell nicht aus dem Kopf bekommen. Ein richtig sahniges Stück Alternative-Rock, das auch zum Ende hin spannend bleibt und  den Höhrer mit einem ruhigen, flächigen C-Part mitnimmt. Der letzte Refrain kommt dannn nochmal mit ein wenig mehr Energie aus den Boxen und hängt sich endgültig mit Widerhaken in das Ohr.

Kommt auf der Platte noch der erwartete Totalausfall, in dem sich Phyria in ein Maximum an Pop verrennen? Ich glaube nein, denn „The Curtain“ fängt mit abwechslungsreicher Gitarrenarbeit, bei der die beiden sich erst gegenseitig befeuern und dann duellieren, an und verschwurbelt sich, halb verträumt, halb verrockt, in den nächsten Bomben-Chorus. Da kann ich nur hoffen, dass es live auch einen zweiten Gitarristen gibt, der Jonas Janßen unterstützt. Die Band spielt hier ein hervorragendes Arrangement herunter. Da passt alles, ohne dass es dem Hörer langweilig werden könnte. Jedes Instrument spielt eine jeweils andere Linie, die jedoch im Großen und Ganzen zu einer Einheit verschmelzen. Nach dem zweiten Refrain dann die Überraschung: Ein Shout. Für mich als Shout-Freund und Shouter natürlich ein Moment, in dem ich nochmal genauer hinhöre. Und sogar dieser eine Shout, die ganze CD bietet genau diesen einen, ist fett.

Tja, was soll ich sagen. Anstatt „Infuse you!“ zu analysieren, gebe ich euch einfach das Lyric-Video der Band an die Hand, welches auf wunderbare Weise den Youtube-Kanal der Band ziert. Der Song ist das, was man als Hit bezeichen muss. Den werden Michael an den Drums, Jonas an der Gitarre, Fabian am Bass und Benjamin am Gesang noch spielen, wenn sie 40 sind, sollten sie zusammen bleiben…

Der nächste Track, und damit auch der vorletzte, heißt „Coma“ und beginnt erstmal mit einem furiosen Gitarrenspiel. Schönes Ding. Das überzeugt musikalisch auf einer anderen Ebene und hat Thalamueske Züge. Der Refrain ist mir zu brav, auch wenn er im zweiten Teil ein wenig abrockt. Dennoch bleibt da das erste Mal ein wenig enttäuscht die Hörmuschel zurück, ohne einen dieser unvergleichlichen Refrains. Dafür gibt es dann wieder einen exzellent gesungenen und gespielten C-Part. Der Song fällt trotzdem alles in allem ein wenig ab, ist aber immer noch besser als alles, was im Moment im Radio rumort.

Das Ende naht mit „… show me who you are„. Ein richtig schöner Rausschmeißer der nochmal gut abrockt. Der Refrain ist wieder was für Ohrwürmer. Die fressen sowas sicherlich gerne. Der Song ist dann ab 2:30 nochmal ein ganz anderer, der ein wenig an Angels & Airwaves erinnert. Gemischt mit Dredg. Gemischt mit Eigenständigkeit, so wie das gesamte Werk „Like slipping through dust“. Und schließlich ergibt sich aus dem sich langsam aufbauenden Part der eigentliche Refrain des Songs. Das Ding bleibt auch hängen, gerade wegen der Wiederholungen, und wird live bestimmt seinen angestammten Platz am Ende eines jeden Sets bekommen. Ich höre schon die Menge „Welcome, show me who you are…“ singen, während die Band unter tosendem Applaus zum zweiten Mal die Bühne verlässt.

Wenn Phyria alles richtig machen, steht einem deutschlandweiten Aufmerksamkeitsschwung in nächster Zukunft nichts im Weg. Hier wirkt nichts abgekupfert, sondern immer original. In Hinsicht auf Songwriting, Bedienung der Instrumente oder Aufnahmetechnik kann man den Jungs nichts vormachen. Bei dieser Platte stimmt einfach alles und ich hätte sie gekauft, wenn ich sie nicht gereviewt hätte.

Wie man merkt wurde mein Geschmack volles Pfund getroffen. Ich denke, dass ich aber nicht zu viel verspreche, wenn für mich Phyria die Newcomer des Jahres 2012 für Krefeld sind. Meinen vollsten Respekt und, wenn ich Punkte geben könnte, was ich aber hier nicht tue, würde ich 9,5 von 10 verteilen. Ganz perfekt ist eh langweilig und ein zwei Stellen sind nicht das, was ich nach dem Rest der unglaublich guten CD zu hören erwartet hätte. Phyria, jetzt macht mal ein paar Shows klar und zeigt, dass ihr eure Songs auch live drauf habt. GO!

Grüße,
Stefan

  • Collateral Birth

    Hm, die Review klingt sehr überzeugend. Da werde ich doch mal schauen, wo ich diese cd bestellen kann.
    Jens alias Collateral Birth alias General Punk

    • Benni

      Bei shop.phyria.com, Amazon, Itunes, spotify 🙂 Such dir was aus.
      @Stefan: Danke für das echt tolle und detaillierte Review. Haben uns tierisch gefreut! 🙂
      Rocksuit up!

      Grüße Benni // Phyria